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Experteninterview Healthcare

„Digitale Souveränität bedeutet, auch morgen noch selbst entscheiden zu können.“

Marc Alexander Ernst über die Zukunft der Krankenhaus-IT, technologische Abhängigkeiten und die Chancen künstlicher Intelligenz.

4 Min. Lesezeit

Lichtdurchfluteter Gang mit blauen Glasbausteinen
Im Gespräch Damir Mrgic Ansprechpartner Frankfurt/Healthcare

Krankenhäuser stehen vor tiefgreifenden Veränderungen. Während die Krankenhausreform neue Strukturen schafft, verändern Cloud-Technologien und künstliche Intelligenz die digitale Arbeitswelt.

Doch wie viel technologische Abhängigkeit können sich Krankenhäuser leisten? Was bedeutet digitale Souveränität im Klinikalltag? Und wie lässt sich Innovation mit Sicherheit und Wirtschaftlichkeit verbinden? Darüber sprechen wir mit Marc Alexander Ernst, unserem Experten für Healthcare-IT und digitale Souveränität.

Malex, du hast auf der VKD-Jahrestagung in Fulda über digitale Souveränität gesprochen. Warum ist dieses Thema gerade jetzt so wichtig?

Weil Krankenhäuser zunehmend von Technologien abhängig sind, auf deren Entwicklung und Betrieb sie nur begrenzt Einfluss haben. Das betrifft Cloud-Plattformen, Softwareanbieter, Dateninfrastrukturen und künftig noch stärker KI-Anwendungen. Diese Technologien bieten enorme Chancen. Aber wir müssen uns auch fragen, was passiert, wenn sich Rahmenbedingungen verändern. Wenn ein Anbieter seine Konditionen ändert. Wenn eine Plattform nicht mehr verfügbar ist. Oder wenn regulatorische und geopolitische Entwicklungen neue Anforderungen schaffen. Digitale Souveränität bedeutet für mich deshalb nicht, auf moderne Technologien zu verzichten. Sie bedeutet, die Kontrolle über wesentliche Entscheidungen zu behalten.

Was heißt das konkret für ein Krankenhaus?

Ein Krankenhaus muss wissen, wo seine kritischen Daten liegen, wer darauf zugreifen kann und welche technischen Abhängigkeiten bestehen. Es muss außerdem einschätzen können, ob und wie sich Systeme im Bedarfsfall auf andere Plattformen übertragen lassen. Dabei geht es nicht nur um Datenschutz. Es geht um Verfügbarkeit, Wirtschaftlichkeit und langfristige Handlungsfähigkeit. Wenn zentrale Anwendungen für die Patientenversorgung benötigt werden, darf die Einrichtung nicht erst im Krisenfall feststellen, wie abhängig sie von einzelnen technischen Komponenten oder Anbietern ist.

Bedeutet digitale Souveränität, dass Krankenhäuser künftig auf internationale Cloud-Anbieter verzichten sollten?

Nein. Das wäre aus meiner Sicht die falsche Schlussfolgerung. Es geht nicht darum, Technologien grundsätzlich auszuschließen. Es geht darum, bewusste Entscheidungen zu treffen. Welche Anwendungen eignen sich für eine Public Cloud? Welche Daten und Systeme benötigen besondere Schutzmaßnahmen? Wo sind Private- oder Hybrid-Cloud-Modelle sinnvoll? Und wie stellen wir sicher, dass wir auch künftig handlungsfähig bleiben? Eine gute Architektur berücksichtigt diese Fragen von Anfang an.

Eine gute Architektur berücksichtigt Abhängigkeiten und Alternativen von Anfang an.

Welche Rolle können regionale Private- und Hybrid-Cloud-Plattformen dabei spielen?

Ich halte regionale Kooperationen für einen interessanten Ansatz. Viele Krankenhäuser stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Sie benötigen leistungsfähige Infrastrukturen, hohe Sicherheitsstandards und professionellen Betrieb. Gleichzeitig sind die finanziellen und personellen Ressourcen begrenzt. Wenn mehrere Einrichtungen geeignete Infrastrukturressourcen gemeinsam nutzen, können wirtschaftliche Vorteile entstehen. Wichtig ist allerdings, dass die Architektur stimmt. Eine gemeinsame Plattform braucht klare Verantwortlichkeiten, sichere Datentrennung, definierte Betriebsprozesse und belastbare Notfallkonzepte. Dann kann aus regionaler Zusammenarbeit eine sinnvolle Alternative zu isolierten Einzellösungen entstehen.

Auf der Tagung wurde auch über künstliche Intelligenz gesprochen. Welche Chancen siehst du für Krankenhäuser?

KI kann im Gesundheitswesen einen erheblichen Mehrwert schaffen. Zum Beispiel bei administrativen Prozessen, der Auswertung großer Datenmengen oder der Unterstützung medizinischer Abläufe. Aber wir sollten nicht denselben Fehler machen wie bei manchen früheren Technologieentwicklungen: erst möglichst viele Anwendungen einführen und anschließend überlegen, wie wir sie sinnvoll miteinander verbinden. Krankenhäuser verfügen über wertvolle Daten. Die eigentliche Chance besteht darin, diese Daten verantwortungsvoll, sicher und kontrolliert nutzbar zu machen. Dafür brauchen wir klare Regeln, eine geeignete Datenarchitektur und eine übergreifende Strategie.

Was ist aus deiner Sicht die größte Gefahr?

Dass wir uns zu stark auf einzelne Technologien konzentrieren und das Gesamtsystem aus dem Blick verlieren. Eine neue Cloud-Plattform macht ein Krankenhaus nicht automatisch digital souverän. Eine KI-Anwendung macht Prozesse nicht automatisch besser. Und eine Firewall allein schafft noch keine umfassende IT-Sicherheit. Entscheidend ist immer das Zusammenspiel. Technologie muss zur Organisation passen. Sie muss sicher betrieben werden können und einen nachvollziehbaren Nutzen schaffen.

Das klingt nach einer großen Aufgabe. Müssen Krankenhäuser jetzt ihre gesamte IT neu aufstellen?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin kein Freund von Aktionismus. Viele Einrichtungen verfügen bereits über gute technische Grundlagen. Der erste Schritt sollte deshalb immer sein, die eigene Situation transparent zu machen. Welche Systeme sind kritisch? Welche Abhängigkeiten bestehen? Wo gibt es Risiken? Welche Alternativen haben wir? Auf dieser Basis lässt sich eine realistische Roadmap entwickeln. Nicht alles gleichzeitig. Sondern die richtigen Maßnahmen in der richtigen Reihenfolge.

Was nimmst du persönlich aus der Jahrestagung in Fulda mit?

Vor allem die Erkenntnis, wie wichtig der Austausch zwischen den unterschiedlichen Beteiligten ist. Krankenhausmanagement, Politik, medizinische Fachbereiche und IT müssen gemeinsam an Lösungen arbeiten. Jeder bringt eine andere Perspektive ein. Und genau daraus können tragfähige Konzepte entstehen. Ich finde es großartig, dass wir mit unserer Erfahrung einen Beitrag zu dieser Diskussion leisten können. Denn letztlich geht es nicht darum, welche Technologie sich durchsetzt. Es geht darum, wie wir eine sichere, leistungsfähige und zukunftsfähige Gesundheitsversorgung ermöglichen. Und wenn wir dabei helfen können, ist das für mich eine sehr sinnvolle Aufgabe.

Über den Experten

Marc Alexander Ernst

Marc Alexander Ernst beschäftigt sich mit den technologischen und strategischen Herausforderungen der Healthcare-IT.

Seine Schwerpunkte liegen auf digitalen Infrastrukturen, IT-Sicherheit, Cloud-Architekturen und digitaler Souveränität im Gesundheitswesen. Als Experte verbindet er technisches Wissen mit einem ganzheitlichen Blick auf die Anforderungen von Krankenhäusern und medizinischen Einrichtungen.

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